Über das Blümchen fotografieren

Letztes Jahr um diese Zeit ging es mir gut: Da habe ich mit einer Spaßkamera rumfotografiert und hatte ansonsten keine Arbeit mit der Fotografie, weil ich die Bilder weder selber entwickeln noch zeitnah sinnvol sortieren musste (aus den Bildern entstanden dann die Momente eines Frühlings III). Im Laufe dieser Monate, in denen ich offensichtlich nicht ausgelastet war, hatte ich die Idee, dass es doch mal toll wäre die ganzen Blümchen, Blüten und Blätter im Laufe eines Frühlings zu fotografieren. Meine liebste Zeit des Jahres war nämlich schon immer der Beginn des Frühlings, wenn die grau-braune Zeit endlich vorbei ist und ich mich über jedes grüne Blatt und jedes Blümchen einzeln freuen kann.
Und als ich dieses Jahr aus dem Winterurlaub wiederkam, kamen gerade die Schneeglöckchen raus und so habe ich angefangen mit diesem Projekt. Ich habe zu Beginn ungeduldig darauf gewartet, dass endlich die Winterlinge blühen, und dann darauf, dass die Krokusse blühen, und war ganz begeistert, als ich die ersten Blausternchen entdeckt, fotografiert und bestimmt hatte. Pflanzennamen kannte ich vorher nämlich fast gar nicht – aber was für ein tolles Gefühl, als ich jemandem beiläufig erklären konnte: „Das Gelbe da, das ist eine Kornelkirsche.“
Je länger die Tage werden, desto rasanter entwickelt sich der Frühling. Habe ich mich Anfang März noch über jedes Blatt einzeln gefreut, konnte ich mich Anfang April schon über ganze Bäume freuen und jetzt sind es schon nur noch Nachzügler, die noch kahl in der Gegend rumstehen.
Und es blüht soviel, dass ich mit Fotografieren, Sortieren und Bearbeiten der Bilder kaum hinterher komme! Wenn ich mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Uni oder mit Freunden im Grünen unterwegs bin, geht mein Blick ständig nach rechts und links auf der Suche nach neuen blühenden Pflanzen. Und es gibt tatsächlich immer wieder Neues! Die Stellen merke ich mir und an 1-2 Tagen pro Woche fahre ich sie dann ab. Dabei entstehen manchmal in 3 Stunden fast 500 Bilder. Die müssen dann ja auch noch auf den Rechner geladen und in Lightroom eingelesen werden, die Pflanzen muss ich bestimmen (bei den blühenden Bäumen habe ich es nicht geschafft, alle zuzuordnen) und dann müssen die Bilder noch ausgewählt und bearbeitet werden und schließlich auf den Blog hochgeladen werden.
Das ist nur überhaupt dadurch machbar, dass ich das meiste nur einmal richtig fotografiere: Wenn ich jetzt an einem Ranunkelstrauch oder einem Feld Taubnesseln vorbei komme, hole ich die Kamera nicht mehr raus. Forsythie und Brautspieren habe ich jeweils nur an einem Tag fotografiert, und Märzenbecher konnte ich überhaupt nur einmal fotografieren, weil sie nicht so häufig sind und mir im Alltag nicht begegnen. Den Eschenahorn habe ich aber schon ein zweites Mal fotografiert, weil aus den Blüten inzwischen schon „Nasen“ geworden sind, und auch kleine Buchen habe ich schon wieder einige fotografiert. Narzissen blühen immer noch und mit Tulpen will ich mich nächstes Wochenende im Britzer Garten anfreunden. Die meisten Pflanzen fotografiere ich aber tatsächlich nur einmal, sonst würde ich gar nicht hinterherkommen.
Dieses Blümchen-Projekt ist also ein ordentliches Stück Arbeit und jedes Mal, wenn ich mich einen Tag lang durch Fotos durchgearbeitet habe, sage ich mir: in den nächsten drei Tagen fasse ich keine Kamera an und sehe keine Blümchen. Natürlich entdecke ich spätestens am zweiten Tag neue Dinge – z.B. die auffälligen rosa Blüten der Zierkirsche, die versteckten lila Blüten des Immergrüns, die kleine weiße Sternmiere oder wiesen voller Löwenzahn- und spätestens am dritten Tag zucken meine Finger schon wieder und ich habe die Kamera wieder in der Hand.