Großstadt vs. Wald

Argh! Pünktlich 7.13h am Morgen beginnen in diesem Haus die Bauarbeiten. In meine Träume bohrt sich ein Geräusch, das aus den Wänden kommt: sie quietschen, rattern und kreischen. Wenn ich aufwache, bin ich orentierungslos (es ist noch dunkel), mein Herz rast und mein Magen hat sich verdreht. Ich will die Ohren verschließen um Ruhe zu finden, und weiter zu schlafen, aber das ist unmöglich. Also stehe ich auf und mache Musik an, so laut wie möglich, um die Bohrgeräusche zu übertönen. Aber sie sind immer noch da, bohren sich immer noch durch meine Ohren in meinen Kopf in meine Brust in meinen Bauch und machen meinen Fluchtinstinkt wahnsinnig. Gestern hörten die Geräusche gegen 9.30h auf. Für den Rest des Tages war ich erledigt: jede anhaltende S-Bahn, jedes vorbeifahrende Auto und jeder Schritt, den jemand neben mir machte, haben mich wieder beunruhigt. Ich war unkonzentriert, unruhig, wollte immer wieder fliehen – wer weiß wohin.
Ich will weg aus Berlin, will weg aus der Großstadt, irgendwann. Sie beginnt mich zu überfordern mit ihren vielen Reizen, die ich alle ausblenden muss; sie macht mich verrückt auf Dauer. Ich beobachte seit einigen Jahren an mir immer mal wieder eine Unruhe mit Zerstreutheit und Fluchtinstinkt, die ich so nicht kannte, als ich noch in Jena gelebt habe.

Ganz anders dagegen die Ruhe, die ich gefunden habe, jedes Mal als ich in der letzten Woche mit Papa im Wald unterwegs war:


Waldstromertouren tun meiner Psyche sehr gut: Egal, was mich gerade beschäftigt, die erste halbe Stunde im Wald lasse ich mir das durch den Kopf gehen und danach wird es bedeutungslos. Da sind die Bäume, die Nadeln, das Laub, der Schneeregen, die bemoosten Stümpfe, der Matsch, die Ausblicke ins Tal, das Licht, die Dunkelheit, die Stille, die kleinen Geräusche. Um mich herum sind Spuren von Tieren, die man auch hören oder sogar sehen kann, wenn man leise und aufmerksam ist, und außerdem die Waldgeister und Baumhexen mit ihren Höhlen und Verstecken und knarrenden, raschelnden Unterhaltungen.
Im Wald zu sein stabilisiert und konzentriert und befreit mich wie nichts anderes. Ich werde ganz ich selbst. Ich werde ganz lebendig.


Ich will irgendwann weg aus der Großstadt; will so leben und arbeiten, dass ich Wald in der Nähe habe. Bis dahin sind die Flecken Grün in der Stadt und der Wald in meinem Herz meine Rettungsanker, wenn Lärm und Unruhe mich fertig machen.

PS: Lomographische Eindrücke aus meinem „Heimatwald“ am Langen Berg